Art und Geschreibsel
von Lotta Blau & Freunden


Die alte Dame und ihre Glückshüte

Gestern, als ich auf den Bus wartete, gesellte sich eine ältere Dame zu mir...sie war kunterbunt angezogen, aber nicht so, dass die Farben nicht zusammengepasst hätten...nein, es war ein netter, fröhlicher Anblick. Auf dem Kopf hatte sie einen Hut aus Zeitungspapier...so gefaltet, wie wir als Kind ein Schiffchen daraus bastelten, um es dann in eine Pfütze oder kleinem Bächlein zu setzen. Wir sahen zu, wie es die Strömung mit sich nahm...staunten, wie es hin - und her schaukelte und doch nicht unterging. Staunten, dass Papier dies schaffen konnte.
Liefen am Ufer mit...irgendwann dann verfing es sich...es hatten sich verschiedene Äste an Steinen verfangen und bildeten einen kleinen Staudamm...da schwappte das Wasser dann oft über das kleine Zeitungspapierboot und es ging unter.
Solche Staudämme bauten wir aber auch selbst...wateten stundenlang im Bach herum - suchten passende Steine und stapelten sie...die Füße eiskalt mit der Zeit...es war uns egal.

Manche dieser kleinen Bäche hatten das sogenannte Katzengold...Sand der glitzerte. Quarzanreicherung...doch damals wussten wir das noch nicht. Wir bestaunten einfach dieses schimmernde Wunder auf das Sonnenstrahlen fielen und es im Wasser flimmerte und flackerte...
Hin - und wieder sahen wir kleine Fische...die sobald wir auch nur näher kamen und unsere Schatten über ihnen hingen wie wild und flink auswichen und sich versteckten.

Manchmal hatten wir auch Regenstiefel an...oder Gummistiefel...und es kam auch vor, dass das Wasser im Eifer des Gefechts hinein schwappte - dann standen in den Schuhen die Füße im Wasser. Es quietschte beim Gehen und rieb auch schon so manches Mal durch das Sand- Wasser-Gemisch die Fersen wund und offen...
Hat uns aber nicht abgehalten...War uns egal...
Glücklich waren wir...mehr brauchten wir nicht.

Diese wunderschönen Erinnerungen schenkte mir der Anblick und das Gespräch mit der alten Dame, die übrigens schon beinah achtzig Jahre alt war.

Wollen sie einen Glückshut haben?, sagte sie zu mir...Kostet drei Euro...und sie hätte noch andere in ihrem Gepäck, hätte heute schon viele verkauft. Das Geschäft liefe gut, auch am Flughafen. Sie erzählte mir noch ein wenig aus ihrem Leben...wie sooft die Menschen einfach Platz neben mir nehmen und von allein anfangen zu reden.

Ich wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, denn sie hatte sicher keine weiteren Hüte im Gepäck...denn sie erzählte allerhand Wirres nebenher. Dafür nahm ich sie mit in meinem Erinnerungskoffer. In dem alle so wundervollen Stunden jederzeit abrufbar sind...unbeschwert in der Natur- allein oder mit Freunden. Sie hatte mir mit ihrem Glückshut- übrigens festgehalten mit einer rosa Haarklammer- gerade mein Herz in jene Glücksmomente zurückversetzt...

Lotta Blau,2018

Bild:free


Unterm Apfelbaum

Es war Anfang September 2026. Ich nutzte meinen freien Tag, ging  am Haus Bürgel vorbei, vorbei an den alten Obstbäumen, zwischen den Feldern. Es hatte gerade geregnet und auf den Feldwegen hatten sich Pfützen gebildet über denen viele Libellen ihre Hochzeitstänze tanzten. Auf und ab, immer wieder. Sie taten mir leid, denn solch eine Pfütze ist kein See, kein Tümpel zur Fortpflanzung geeignet. Bald würden die Pfützen austrocknen. Schließlich ging ich durch die Urdenbacher Kämpe. Es gibt auf dem Weg dort einige Bänke. Auf einer machte ich eine kleine Rast. Gegenüber saß eine ältere Frau. Ihr Fahrrad neben sich. Sie schälte einen Apfel, schnitt ihn schließlich in Stücke, sah mich an und sagte: Möchten Sie auch? Kommen Sie! Sie hielt mir ihr Schälmesser hin. Ich ging zu ihrer Bank und setzte mich neben sie. Hier nehmen Sie, sagte sie und reichte mir ihr Messer, zeigte dann auf einen Apfel am Boden, direkt unter dem Baum. Ich hob ihn auf und begann ihn ebenfalls zu schälen. Leider war der aber schon innen faul. Ich warf ihn hinter mich. Es war eben alles Fallobst. Da, sagte sie, nehmen sie den da! Ich hob den zweiten Apfel auf. Der war noch essbar. Er war köstlich, süß und saftig. So kamen wir ins Gespräch. 

Sie erzählte mir, dass sie 77 Jahre sei, ursprünglich aus der Ukraine kam und Physikerin sei. Sogar eine Erfindung hätte sie einst in ihrer Heimat berühmt gemacht, doch dann hätte in Amerika auch ein Physiker dieses erfunden und damit war ihres wohl nicht mehr interessant genug. Sie sprach etwas gebrochen deutsch, nicht alles verstand ich, und doch verstanden wir uns. In ihrer Kindheit, in einem Dorf, machten sie von den Kirschbäumen manchmal das Harz ab und aßen ihn. So, sagte ich, das wusste ich nicht. Auch in meiner Kindheit gab es Kirschbäume mit Harz, aber nie kam ich auf die Idee das zu essen. Sie erzählte, ich hörte zu. Sie war klein, schlank und zierlich, ihre Hände leicht durch Rheuma verformt. Schmerzhaft sagte sie. Irgendwie war es unter dem Apfelbaum auf einer Bank idyllisch. Bilder aus meiner Kindheit und all der Natur tauchten aus meinem Kopf-Bilderbuch auf und zauberten mir wunderschöne Erinnerungen. Ich aß meinen Apfel bis zu den Kernen hinunter auf, wir verabschiedeten uns herzlich. Immer, wenn ich nun an diesem Baum vorüber geh, werde ich an diese Begegnung denken und zukünftig Ausschau nach einem Kirschbaum und seinem Harz halten, den ich dann probieren werde.

Lotta Blau/ 2026