Art und Geschreibsel
von Lotta Blau & Freunden

Das Geheimnis

Einst verschlug es eine junge Frau in ein Niemandsland, das zwischen Traum und Wirklichkeit lag. Als sie sah, wohin sie gelangt war, da verschlug es ihr den Atem. Niemanden war dies bisher gelungen. Freilich...in der Vorstellung schon oder im Traum, doch nie war vor ihr ein anderer Mensch dort wo sie nun ehrfürchtig stand: Zwischen Allem...und sie selbst bewegte sich nicht- war sozusagen zeitlos, wie die Menschen dies gerne nannten.

Überall waren die verschiedensten Uhren und ebenso unterschiedlich tickten sie auch. Jede sah auch anders aus. Die eine hatte Pendel, die andere keine aber dafür große Zeiger und so weiter. Keine glich einer anderen Uhr.
Als sie dort nun andächtig stand, beinah versteinert und offenem Mund, da hörte sie auf einmal ein Ächzen hinter sich.
Sie drehte sich um und sah auf eine alte Uhr aus Holz, deren Zeiger sich sehr schnell drehten. Dabei stöhnte sie.
Ach, könnte ich nur einmal langsamer gehen, sagte die Uhr. Ach, was wäre das schön, denn ich könnte die Welt mit ganz anderen Augen sehen. Doch so...so sehe ich alles an mir vorbei fliegen...alles rast und nichts hat Ruhe. Ach, bin ich müd davon...
Da zuckten Blitze auf und ein mächtiger Donner durchfuhr diese Worte und dann sagte eine andere Uhr, die weiter hinten zu sehen war:
Beklage dich nicht...und sei froh...alles Böse und Schlimme geht schnell vorüber, während ich meine Zeiger kaum bewegen kann. Beinah Stillstand und doch ewig langsame Bewegungen...verdammt bin ich dazu alles schlimme Geschehen ewig lange anzusehen. Was glaubst du wohl, warum auch meine Zeiger schon lange dahin rosten? Während deine ständig in Bewegung sind. Also höre auf zu jammern.
Warum streitet ihr schon wieder?, sprach eine weitere Stimme.
Euch gibt es schon seit Anbeginn der Zeit und immer noch könnt ihr keine Ruhe geben und euch fügen. Es ist egal, ob du schneller tickst oder der andere langsamer...einzig zählt das es diese verschiedenen Möglichkeiten gibt. Und wieso überseht ihr dabei das Schöne und Wunderbare, das Zauberhafte? Wieso seht ihr nur das Schlimme?
Es gleicht sich doch so aus...was ihr seht.

Da drehte sich die junge Frau weiter um und sah in Augen...welche Augen? Sie wusste es nicht. Sie waren da und doch irgendwie kaum wahrnehmbar. War es auch eine Uhr?
Aber sie traute sich nicht zu sprechen...also blieb sie ehrfürchtig still und wartend auf das, was sich ihr noch offenbaren sollte.
Als der Boden unter ihr anfing sich sehr langsam zu drehen. Sie schaute nach unten und begriff, dass sie auf einer Uhr stand und ein Zeiger an ihren Füßen hängengeblieben war.
Erschrocken darüber sprang sie zur Seite.
Endlich...sagte die Uhr, die nun ihre Zeiger weiter drehen konnte. Endlich...
Da bemerkte die junge Frau, dass sie sich nun selbst drehte....langsam...sehr langsam und wie eine Uhr tickte die Zeit an ihr vorbei...aber nein....nichts konnte sie sehen...sie spürte nur, wie sich alles sachte bewegte.
Sie war nun verwirrt...und endlich lockerte sich ihr Herz und allen Mut nahm sie zusammen und sprach: Sagt Ihr Uhren...welche von Euch zeigt denn nun die richtige Zeit an? Welche geht richtig und welche falsch? Woher weiß ich denn nun wie spät es ist? Oder welches Jahrhundert, welches Jahr, welchen Tag wir haben?
Als sie das gesprochen hatte begann eine Stimme zu lachen.
Ich muss dir sagen, meine Liebe, deine Fragen sind typisch Mensch. Niemand würde so eine Frage stellen, außer der ewig verstehen wollende Mensch, der aber nicht versteht, dass man nicht alles verstehen muss. Dennoch will ich dir eine Antwort geben. Schau- es gibt keine richtig und auch keine falsche Zeit, es gibt nämlich überhaupt keine in Wahrheit. Darum ticken alle Uhren hier unterschiedlich. Zeit, wie ihr es nennt, ist eine Erfindung für all eure Schubkästen. Ihr braucht auch dieses Festhalten, braucht diesen Halt - das bildet ihr euch ein. Doch eigentlich solltet ihr nach eurem Inneren leben...denn dort hat jedes Lebewesen seine eigene Zeit.

So unterschiedlich wir hier ticken, so unterschiedlich tickt beinah jede Zelle in euch. Und bedenke – jedes – alles was existiert hat seine eigene innere Uhr. Und wie immer sie auch gerade tickt, hängt auch davon ab, was du gerade fühlst, siehst, schmeckst, denkst, liebst, hörst, riechst oder ob du dich gerade ärgerst oder wütend bist, ob du verliebt bist oder einsam...ob du gesund bist oder krank.
Nicht das von außen, was da in allem künstlichen Uhrwerken tickt ist wahr, sondern nur das, was in dir selbst Zahnrad in Zahnrad in höchster Harmonie ineinander fasst. Ist auch nur ein einziges Teilchen davon abgenutzt, so kommt das ganze Uhrwerk in Dir in Verzug oder ins Rasen, auf jeden Fall aber ins Schwanken. Aber auch das - bedenke - hat seinen Sinn.
Jeder Klang, jeder Ton der sich weiter drehenden Zahnräder ist auch ein Zusammenspiel deine Selbst. So singt jede einzelne Bewegung hinein in die ewig uralte Melodie, die sich aus dir ins Universum hinein in die unendliche Weite des Ganzen schmiegt und sich zärtlich spielt und zugleich dies aus dir permanent strömt, strömt ein Gesang in dich zurück, der aus den Tiefen des Alls kommt.

Für all das braucht es keine Uhren, die alle gemeinsam die gleiche Uhrzeit anzeigen...wie du das so kennst, Mensch. Einzig braucht es das liebende Zusammenspiel von jedem einzelnen Uhrwerk eines jeden Wesens, das sich mit dem Umgebenden verbindet, denn dort trifft alles zusammen und ein jedes gibt seinen ganz eigenen Ton in den Gesang des Großen.
In die Sprache des Lebens, die uns lehrt im richtigen Tempo das Hiersein zu leben. Manchmal ist es gut wenn das Uhrwerk schnell tickt, manchmal ist es gut, wenn es langsam tickt und manchmal brauchen wir den scheinbaren Stillstand in uns...besonders dann wenn uns etwas den Atem nimmt oder wenn uns etwas besonders schön und wundervoll berührt. Jene Augenblicke die wir gerne endlos erleben würden...erscheinen uns zunächst zeitlos genauso wie Furchtbares...das sich scheinbar unendlich hinzieht. Doch immer tickt alle unterschiedliche Zeit nur in dir...niemals in einem Holzkasten mit Pendeln oder an deinem Handgelenk als Armbanduhr, auch nicht im Büro oder sonst wo.

Nun begib dich zurück...oder sollen wir besser sagen, wieder heraus aus deinem eigenen Inneren...hast uns ja nun alle gesehen...uns uralte Pendel in dir und deinen Fluss in dir.

Wach auf aus deinem Zeitchaos und stimme wieder in die Harmonie ein.
Lotta Blau, 2018