Art und Geschreibsel
von Lotta Blau & Freunden

Die (ER)Findung des Menschen

(...) Ob wir jemals auch in uns selbst auferstehen, uns über uns bewusst werden. Ob wir jemals - trotz wir unser Gehirn nur zu einem geringen Anteil nutzen – in die immer noch blinden Flecken dessen eintauchen können, um überhaupt erst einmal zu werden. Was sind wir eigentlich bis heute, wenn wir doch noch immer so unvollständig sind? Wir ständig nach technischem Fortschritt eifern, wir suggeriert bekommen, das schneller, weiter, höher, gesünder, schlanker, besser die Maßstäbe seien? Statt unserer Bestimmung des Ganzen, des Einheitlichen in uns und um uns, zu folgen. Verbindungen zu spüren. Ja, was spüren wir? Und was erspüren wir?

Statt uns zu öffnen verriegeln und vermauern wir uns dem Lebendigen gegenüber. Freilich, dem natürlichen! Tod muss auch gehuldigt werden, denn was wären wir ohne ihn? Ohne dieses Wissen, dass eine begrenzte Lebenspanne vor uns liegt? Nehmen wir einmal an, es gäbe tatsächlich ein menschliches ewiges Leben auf Erden. In der Tierwelt gibt es das ja. Lebewesen, die sich selbst reproduzieren und es gibt ja auch bei ihnen durchaus nachwachsende Gliedmaßen oder Zähne, wie bei gewissen Haiarten. Aber denken wir einmal, was das für den Menschen bedeuten würde, wenn er wüsste, dass sein Leben niemals enden würde.

 Sozusagen könnte ihm, übertrieben gesagt, nichts etwas anhaben. Was meinen Sie, wäre die Welt eine andere? Und wie könnte sie aussehen? Besser oder gar noch schlimmer? Nun will ich auf keinen Fall den Fokus auf den Tod lenken, sondern auch das Leben bewundern. Denn es ist doch ein Wunder, nicht? Mag sein, dass dieses Wort ausgelutscht ist, aber das ist mir egal. Es beschreibt doch am Ehesten auch das noch im Verborgene Liegende. Ein Glück! Es wird immer etwas bleiben, was dem menschlichen Geist ein Schnippchen schlägt. Selbst dann, wenn er es noch so unerbittlich lösen will, dieses und jenes Geheimnis des Lebens, so wird er daran immer wieder scheitern. Wer überhaupt sagt denn, dass das, was wir für wahr und bewiesen erachten auch so ist? Man denke nur einmal, dass die Erde mal eine Scheibe war...Denn der Mensch erklärt sich seine Welt aus seinem Kopf! Sicher, mit Hilfe von Technik. Jedoch ist auch diese aus dem Kopf entstanden. Alles fußt auf seinen eingeschränkten Fähigkeiten, die zudem, wie geschrieben, nicht einmal umfassend sind. Was für eine Ein-Bildung! 

Vielleicht sähen wir die Welt ganz anders, als wie wir sie sehen, wenn wir sie sehen könnten, wie sie vielleicht tatsächlich ist und aussieht. Vielleicht haben wir auch die Chance verpasst unsere Herzintelligenz zu bilden, statt uns immer nur auf den Kopf zu konzentrieren. Ich denke und fühle, also bin ich...und was ist mit dem Unbewussten, was mit dem Unterbewusstsein, was mit dem Ultrakurzzeit,-dem Kurzzeit, dem Langzeitgedächtnis? Was mit dem Zellgedächtnis? Das Leben besteht aus Bausteinen, wie das Denken auch. Ergo auch die Wissenschaft. 

Ich taufte es einmal in einem Text als: Bausteindenken. Erkenntnisse aufbauen, abbauen, neu zusammensetzen, verwerfen, andere hinzu formen. Austausch und Kommunikation. Leider ist heute einiges schon erstarkt. Besonders stößt mir das heute so gerne benutzte Wort: Experten auf! Es suggeriert ja, dass ein Experte allwissend ist, zumindest im jeweiligen Metier. Also ein Anspruch auf die absolute Wahrheit besitzt und jegliche Kritik daran, jedes Diskutieren, ausgeschlossen wird. Das ist wahrlich ein Unding! Ja, eine Dummheit!

Ja, wer weiß...heute leben wir (mal wieder) in einem unnatürlich produziertem Chaos. Wenn ich in diesem Zusammenhang Gott erwähne, so deshalb, weil Gott für mich das Ganze, Makro wie auch Mikro ist. Das Göttliche ist für mich das Gewissen in uns. Ich habe einen Text geschrieben, in dem es einen Gott Juri gibt. Zumindest in der Kopfwelt eines Schachspielers. Er bildet es sich so ein. Doch Juri wird es später aufklären. Gott will er nicht sein und ist er auch nicht, aber das Göttliche – das Gewissen – das schon. Und das Gewissen ist kein lineares Gebilde, so wenig, wie der Mensch das ist, auf das man ihn reduzieren kann. Sondern es verändert, formt sich. Es lernt und und muss sich oft behaupten, zum Beispiel gegenüber dem Gehorsam. Es agiert gern mit der Vernunft, als gewissenhafte Eigenschaft, aber sträubt sich gegen eine Vernunft ohne Gewissen, als blanke Ausführung und Folgsamkeit. Weder also ist Vernunft zunächst gut, noch böse. Es kommt auf die Symbiose der Sinne an. Jenes, also, das unter anderem in den Kriegen unterdrückt wird, ausgeschaltet und abtrainiert. Also nur noch blanker Gehorsam übrig bleibt. Manipulation, psychologische Kriegsführung als Grundlage.

Natur, also auch das Ganze, bis zum Kleinsten ist mein "Gott". Wenn man so will, ist es eine Art etwas zu bezeichnen. Als eigentlich perfekt, würde der Mensch nicht permanent hineinpfuschen. Lässt man die Natur nur machen, dann würde sie sich selbst erhalten. Es ist eine Bezeichnung des Lebens, aber auch der Vergänglichkeit. Die Natur erschafft sich aus sich selbst heraus, regeneriert sich, gleicht aus oder verschiebt auch schon einmal. Es gibt durchaus auch eine Unterbrechung des Kreislaufes, nämlich dann, wenn zum Beispiel Pflanzen oder Tiere aussterben. Das All ist und war sehr produktiv.

 Der Mensch kann sich vielleicht eines Tages selbst (er)finden, indem er beginnt zu begreifen was er ist und was nicht und auch was er war und werden könnte.

Bild: Schau einmal an! und Textauszug Lotta Blau, 2022


Tage wie diese


Sommer 26, in Heringsdorf wohne ich im Haus Stock, in welchem auch schon Klemperer seine Urlaubstage 1925, 26 und 1930 verbrachte. Seine Tagebücher und auch LTI habe ich daheim im Bücherschrank. Ich habe angefangen die neue Biografie über Ingeborg Bachmann von Andrea Stoll zu lesen. Wie sehr war sie doch in ihrem Schreiben ganz sie selbst in ihrer Zerbrechlichkeit und ihren Irrwegen. Wie tief lag ihre Suche in ihren Worten, weit gelassen, nicht direkt offensichtlich, aber doch… ist sie nicht in ihrer Persönlichkeit darauf zu beschränken. Selbst nicht auf ihr Schreiben.

Irgendwie durchziehen die Tage ein eigenartiges Gefühl. Eine gewisse Schwere von etwas Kommenden. Etwas Bleiernes sitzt in den Menschen, die selbst im Café keine Erholung und Leichtigkeit mehr ausstrahlen. Über mir ziehen die Seemöwen hinweg, auch Schwalben und Mauersegler und viele Sperlinge, die so an die Menschen gewöhnt sind, dass sie beinahe keine Scheu mehr haben. Immer darauf aus irgendeinen Happen, einen Krümel, vom Kuchen zu erhaschen.

Die Sonne hat Kraft und legt ihrer Lichterkette über das Meer und seine Wellen. Ich muss oft an das Leben da draußen denken und an den Wal Hope. Ich denke an die Hoffnung und an die Hoffnungslosigkeit. Diesem ständigem Wechsel, dem man sich selbst oft ausliefert. Ich will glauben, will hoffen, hoffe und dann stürzt dieses Gerüst in sich zusammen, aber ich baue mir ein neues, immer wieder und lasse andere daran festhalten. Aber wie lange geht das gut? Ich würde so gerne ohne Gerüst leben, aber das funktioniert nicht, denn es würde vollkommene Freiheit bedeuten. Es ist ein Weg, der keiner sein kann, weil wir unser Leben lang lernen müssen uns zu befreien. Befreiung von all dem was uns im Inneren monoton und abgestumpft werden lässt. Kaum, dass es uns gelingt, so ist es doch nichts, was ein Ende hätte. Dazu gehören die Schreckensnachrichten ebenso, wie das viel Unnütze, welches die inneren Zeiten füllt, die sonst Platz für das Wesentliche hätten. Die Belastungen sind es, die wir versuchen abzuschütteln, um atmen und sprechen zu können, um lieben zu können.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mir die Seele wund schreibe, dann wieder besänftigt mich das Schreiben. Ich gleite in eine Welt der Vermutung, Hand in Hand mit der Vorsicht, aber doch angstlos. Ich vermute kommendes Unheil, eine Zeit, die sich wie ein Gerippe Ihre Knochen zusammenruft, die aus dem Bösen gewachsen sind. Ich schrieb einmal ein Märchen über die Entstehung des Bösen und nannte es Der Riese. Sein Vernichtungswunsch konnte wachsen durch das Böse im Menschen.

Selbst hier, im doch recht noblen Ort Heringsdorf, verfallen alte Villen. Es wachsen Bäume aus ihren Mauern. Verfallener Schornstein, einstiger Stolz eingestürzt. Jeden Tag prägende Erinnerung an vergangene Zeiten des Ruhmes und des Absturzes vor Krieg und Zerstörung. Beinah wie ein Mahnmal, ein dezenter Ruf des Hinsehens…wollt ihr denn schon wieder? Alle wissen es immer besser und verirren sich. Sie wollen belehren und erheben sich, merken nicht wie sie den Sturz mit vorbereiten, um dann selbst zu fallen. Die zwei Gesichter des Mephisto sind unterwegs. Heute saß eine Ringeltaube mitten auf der Straße. Ein Omen? Ich schreibe mir noch die Zunge blutig. Aber die Zunge ist ein Muskel, der erschlafft im Käfig.

Möwenrufe. Wie herrlich es ausschaut, wenn in ihrem Flug die Sonne auf ihre Flügel scheint, beinah, als schimmerte das Licht hindurch. Als würden sie das Licht durch den Himmel tragen und besänftigen wollen. Hab doch Hoffnung und die Weite des Meeres schreibt unentwegt Worte über die Wellen. Aber ich lese vor allem Warnungen vor einem Sturm, der bereits drohend nahe scheint. Es mag sein menschenverachtendes Gebrüll für einige weit weg und sie relativieren ihn, aber unsere evolutionäre Begabung Gefahren wie ein kommendes Gewitter zu spüren sagt mir, dass es besser ist sich diese auch ins Bewusste zu holen.

Vor dem zweiten Weltkrieg spürte es nicht nur Stefan Zweig, sondern auch Ingeborg Bachmann. Es ist als würde sich eine negative Energie durch die Lüfte verbreiten, in die Menschen eindringen und sie mit ihrer Finsternis berauschen. Die Kriege sitzen wieder in den Köpfen und die extremistische Pest, an der die Empathie und die Vernunft langsam bereits über Jahre schleichend stirbt. Ein langer schmerzhafter Tod und ein kurzer der Grundgesetze wird folgen. All das betrifft das ganze Land; es ist nicht nur im Osten zu spüren, sondern auch im Westen. Trotzdem begegnet mir immer auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Jetzt nutzen ja die Rechtsextremisten das Spiel West gegen Ost und drehen es um. Im Osten leben jetzt Menschen und im Westen amerikanisierte Wesen. Wie absurd und lächerlich. Da wird das stark angekratzte Selbstbewusstsein der Menschen im Osten benutzt für ihr schändliches Spiel der Wählerstimmen für September, so wie einst die Westler gerade in den Osten gegangen sind, da sie genau wussten, wie leicht solche Menschen zu manipulieren und zu benutzen waren. Aber Extremisten gab es im Osten doch immer schon, wie im Westen auch. Der braune Ungeist fraß sich ja weiter an Förderung und ungesühnter Schuld satt.

Kürzlich, in einer Sonderausstellung in Bonn im Haus der Geschichte, war die Nachkriegszeit in Ost und West Thema. Es waren nur ein paar Beispiele von Reinwaschungen ausgestellt, die belohnt mit besten gehobenen Stellungen in Ost, wie West. Ja, die Welt ist wahrlich eine Bühne, auf der sich Mephisto wohl fühlt.

Literatur muss sich entwickeln können, so wie sich die Autoren und Autorinnen im Laufe des Schreiberlebens auch entwickeln. Nun las ich heute ein Interview in dem ein ehemaliger Bachmannpreis—Kritiker seine eigene Kritik an diesem Auswahlgremium abgab. Viele Schreiberlinge mögen ihre frühen Werke später nicht mehr lesen. Klaus Mann war auch so ein Kandidat. Nun denke ich, wenn eine Autorin oder ein Autor sich bewirbt und dann kritisch niedergestreckt wird, dann könnten einige vielleicht spätere gute Werke nicht mehr schreiben. Schlussendlich bleiben Kritiken immer eine persönliche Sache.

Mephisto ist ein Typus. Das sagte auch schon Klaus Mann. Gründgens ist auch heute noch schwer zu beurteilen. Einerseits, andererseits. So scheint es, lebte er zwischen dem Wunsch ins Exil zu flüchten, aber dagegen sprach auch seinen jüdischen Freunden in Deutschland nur vor Ort helfen zu wollen, als auch seine Homosexualität zu schützen.

Ich lese Etty Hillesum. Ihre Tagebücher transferieren die Zeit. Spiegel, überall Spiegel. Erschrecken und wieder dieses Kopftier, das gefüttert werden will. Aber nur wenn es unsicher ist, ansonsten findet es immer was um satt zu werden. Es ist der Zusammenprall im Kopf von Wissen, Unwissen, von Zweifeln, Wünschen, von Ängsten und Vorsicht, vom Vordenken und vom Nachdenken, von Ahnungen und Erfahrungen.

LTI ist heute wieder modern. Etwas abgewandelt tauchen längst begrabene Wörter wieder auf. Andere sind noch immer zuhause in den Kehlen und im feuchtem Milieu der Zunge. Voll besetzt mit HassViren verbreiten sie sich scheinbar rund um den Globus. Kriegsmüde ist das dümmste Wort, schrieb schon Karl Kraus. Ich bin an einem wunderbaren Ort und mir fällt es schwer, schwerer zu entspannen, weil mir die moderne Dummheit aller Couleur nicht aus dem Kopf geht.

Als ich kürzlich in Wien mit einem guten Freund durch einen Park ging, da sprach mich jemand an, ob er mir etwas vorsingen dürfe. Ein junger Bursche. Ich wollte ihn nicht so stehen lassen und sagte ja. Er sang mir von Rihanna: shine like a diamond. Ich fragte nicht, warum er das tat, vielleicht weil ich ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte. Aber andererseits freute ich mich auch, dass es noch Romantik unter jungen Menschen gab. Fern von irgendwelchen Beziehungsapps, fern vom Computer und dem Handy hatte er sich getraut. Vielleicht ist es das, was heute im Zwischenmenschlichen fehlt. Sich unbeschwert zu begegnen.
Die Liebe zueinander fehlt. Ach ja, Liebe ist nicht gleich Liebe. S. Liebe ich als Mensch, in meiner Weltanschauung und meinem Geist so nahe. Wenn ich sage, dass ich ihn liebe, dann auf dieser Basis. Nicht körperlich. Da sind wir uns fern.

Heute eine Schifffahrt bis zur Insel Oie. Seerobben dort überall, Kormorane und viele Schwäne. Zunächst gutes Wetter, wenn auch irgendwie trüb. Aber dadurch schwelte über dem Meer eine Art Spiegelfolie, beinah mystisch erschienen vom Schiff aus die in der Sicht gelegenen Inseln und Landschaften. Draußen, auf dem offenen Meer, endlich all die Schwere dieser letzten Jahre und vom Heute vergessen. Dort war es wie ankommen. Dort, wo nichts war, außer Meer, ab und an Möwen. Nichts versperrte die Sicht. Weitblick und doch nebelige Zukunftsweisende. Kaum zu glauben, dass die Ostsee nur etwas über 50 Meter tief ist. Abends Sonnenuntergang. Bilder, als hätte Rothko sie gemalt. Seebrücke, dahinter und davor tiefes Orange bis beinah rötlich, goldener Schimmer.
Auf der Hinfahrt kam der Exilgedanke wieder. Wie es wohl für all jene damals gewesen sein muss, die vor den Nazis flüchteten. Der letzte Blick auf das Land, das sie bedrohte, der letzte Gedanke an den Geburtsort, an all das Zurückgelassene. Darunter mischte sich vielleicht Erleichterung überhaupt fliehen zu können. Ich stellte mir vor, ich würde gerade mit dem Schiff ins Exil fahren. Heute sitzen wieder viele Nachfahren der einstig Verfolgten und Ermordeten auf ihren schon gepackten Koffern und schlafen mit der Furcht und dem Zweifel auf Morgen ein. Ich stelle mir diese unglaublich zehrende Zeit vor. Auch nach dem zweiten Weltkrieg. Als der einst Verfolgte neben seinem Verfolger lebte, arbeitete und weiter still litt. Paul Celan fällt mir ein. Nach einer Lesung in der Gruppe 47 höhnte man, dass er wie Goebbels gelesen hätte. Es war etwas Vernichtendes und das blieb auch das Unbelehrbare. Sprache macht verpflichtend. Die Sprachstürze haben schon vor Jahren wieder begonnen. Die Worte verlieren zunehmend an Substanz, weil man sie aushöhlt, verdreht und gegenteilig benutzt. Der Zweck dahinter ist Macht und Zwietracht zu erzeugen, aber auch den Individualismus zu vernichten, der für eine Demokratie unentbehrlich ist. Gehorsam zu erzeugen. Gleichheit bekommt dann eine andere Bedeutung, eine vernichtende und devote. In dem Film Führer und Verführte ist die Strategie durch Medien zu manipulieren sehr gut dargestellt. Sehr gut auch der Film Lissy, in dem die gesellschaftlichen Prozesse, mündend in der Katastrophe des Nationalsozialismus, durch persönliche, auf staatliche Versäumnisse folgende, schwierige Lebensbedingungen nachgezeichnet worden.

Gähnen erzeugte die Sprache, denk ich manchmal. Auf das Gähnen folgte die Feststellung dadurch Laute erzeugen und dann diese verändern zu können. So entstand Wort an Wort und die Macht durch Sprache zu beherrschen. Ein Zustand eines Traumes, in welchem man suchend nach dem Sinn taumeln kann. Das zunehmend stagnierende geistige und empathische Leben, macht müde und träge.

Notiz an S. Über das Bachmann— Buch von Stoll: Es gibt viel zu erzählen und zu diskutieren!

Lotta/ Juni 26


22.06.26
In Düsseldorf sind Hitzetage angebrochen, während hier, an der See, es doch erträglich, manchmal sogar zu kühl bleibt. Das Meer ist dennoch mit 16 Grad warm. Letztes Jahr war ich Eisbaden bei 0 Grad. Ich habe es aber seitdem nicht mehr trainiert, da mir oft auch die Zeit dazu fehlt. In Heringsdorf gibt es jetzt auch eine Kältetherapie, sah ich. Darum denke ich gerade an das Eisbaden.

Einer meiner Träume ist Frieden. Merkwürdig, dass man sich den Weltfrieden als Traum vorstellen muss, statt, dass er Realität sein müsste. Frieden ist die Ursubstanz des Lebens. Nicht nur in mir, sondern auch um mich. Wir alle haben den täglichen inneren Kampf von Gefühl und Logik in uns. Den Traum der Balance, der uns doch so viel Zuversicht und Kraft kostet, denn durch die ständige Suche nach dieser Balance haben wir die Hoffnung richtige Entscheidungen zu treffen. Wir verlassen uns auf die Hoffnung, die niemals stirbt, auch nicht zuletzt, denn sie ist tatsächlich unsterblich und ist jener innerer Motor der Lebenserhaltung und gehört zum Sinn des Lebens, ist eine Nuance davon. Die Hoffnung regeneriert sich immer wieder selbst. Frieden erwächst durch diese Balance in uns und trägt sich nach außen, gleichwohl wir dennoch machtlos gegen den Kriegswillen der wenigen Mächtigen sind, an denen unser Ruf und unsere Warnungen abprallen. Frieden braucht die Voraussetzung des Willens dazu, unterstützt durch Diplomatie. Der Wille zum Frieden , ist der Wille zum Leben, schrieb ich einmal. Wer sich für den Frieden entscheidet, dem ist nicht nur sein Leben etwas wert, sondern das Leben generell.

Der Drang mit uns selbst in Balance zu kommen ist in uns verankert. Wir brauchen ihn, wie einen Akt auf der Bühne der Welt. Das Leben ist eine Verkettung von Bühnenstücken, das vor dem Vorhang eine oberflächliche Geschichte erzählt, aber dahinter selten blicken lässt, denn dort ist die Wahrheit zu finden und das ehrlich gesprochene Wort. Ganz roh und grob, aus der glänzenden Schale entfernt, ist dort jener Kern nackt und verletzbar und kann doch selbst so unendliche Gewalt zu verletzen
aufbringen.

Das Wort Hobby war mir immer suspekt. Vor allem dann, wenn jemand das Lesen als solches ausgibt. Es ist unmöglich ein Buch hobbymässig zu lesen. In S. habe ich seit einigen Jahren endlich einen ebenso Literaturbegeisterten gefunden. Wie das immer wieder gut tut, sich darüber auszutauschen und sich gegenseitig eigene, wie fremde Texte vorzulesen. Diese Regelmäßigkeit ist es, denn ich kann auch noch mit andren über Gott und die Welt reden, aber nur bei ihm erhält sich das, ohne sich zu erschöpfen.

Ich denke an die Robben, die verteilt auf den riesigen Steinen vor der Insel Oie lagen. Auch an eine, die ich in einem Film gesehen habe, in welchem sie sich auf ein Boot vor Orkas rettete. Die Fähigkeit logisch zu kombinieren. Überall in der Tierwelt kann das beobachtet werden. Neuerdings nisten Rotkelchen und Amseln gern in der Nähe der Menschen, so zum Beispiel in Gartencenter oder gar in einem Helm, der auf einem Moped liegengelassen wurde. Mit Bedauern wurde nun doch der Schutzstatus für den Wolf aufgehoben. Jetzt dürfen sie wieder getötet werden. Mit Entsetzen gehen mir oft die Bilder von angeschossen und verletzten, ja gequälten Tieren nicht aus dem Kopf. Ach, diese ewigen haltlosen Begründungen…es ist so entsetzlich nieder. Währenddessen werden die Meere zum baldigen Albtraum der Menschheit werden, ebenso wie die Urwälder immer mehr verschwinden. Das Tier kann niemals so dumm sein, wie der Mensch es ist. Tragisch nur, dass der Mensch alle Möglichkeiten hätte, sich und etwas zu ändern, es aber nicht zu entscheidenen Besserungen kommt. 

Das Meer wird mehr und mehr zum Kriegsort. Öltanker werden beschossen, Menschen getötet. Kriegsgeräte unter Wasser, ja selbst vom Unterwasserkrieg wird gesprochen. Da sind auf einmal Naturschutz und Ökosysteme egal, da ist Artenschutz unerheblich. Hauptsache es kann uns weiter ein schlechtes Gewissen vermittelt werden. Dort Zerstörung und bewusst in Kauf genommene Umweltschäden und hier der Zeigefinger. Absurd und unglaubwürdig. Dort Artenschutz und dort Abschuss. Das eben ist das menschliche geistige Absurde, das auch Mephisto so liebt.
Aber diese Dummheit ist eben so entsetzlich für unser aller Zukunft prägend. Es ist ein ewiges Drama der Ignoranz und des Geldes. 

Nahe ran fahren konnte das Schiff an die Insel nicht, da Naturschutzgebiet und eben wegen der Steine. Es ist eine Art Katalysator für mich, wenn ich mich in Sinn und Zweck hineindenke. 

Fühle mich wie ein Baum ohne seine Wurzeln irgendwo hinterlassen zu wollen, weil es noch so viele schöne Plätze und Gegenden auf der Welt gibt, auch im metaphorischen Sinn, weil doch auch die Sprache wandert. Weil sich der Körper auch durch das Bekannte und Unbekannte verändern kann, so wie die Handflächen bzw. Linien, siehe Tagebücher Etty Hillesum. Ich habe noch nie vorher darüber nachgedacht, ob sich meine Handlinien verändern. Äusserst interessant. Aber was ich weiß, ist, dass sich der Herzschlag zweier sich nahen Menschen angleichen kann. Das habe ich selbst schon erlebt.

Vor der Abreise wanderte ich noch durch den Heringsdorfer Wald zum Baumwipfelpfad. Herrliche Sicht auf Heringsdorf, Ahlbeck und Swinemünde. Aber auch auf den Wald, mit Sicht bis zum Gothensee. In den 80ziger Jahren kippte dieses Gewässer durch den Einlass von Abwässern. Heute hat sich dieses Ökosystem ein wenig erholt.

Berlin ist von der Baumwipfelplattform 166 Kilometer entfernt. Neuerdings fürchten sich alle vor dieser Stadt. Immer wieder warnt man mich, dort bloß nicht zu übernachten. Es sei heute zu gefährlich. Ich denke, es kommt darauf an, wo man sich niederlässt. Ja, diese Stadt ist heute offenbar leider ein Kessel der Extremisten geworden.
Zuletzt vor dem Hinterausgang…wie überall an den Bahnhöfen- die Verlorenen. Im Bahnhof, wie überall in den Bahnhöfen, Menschen, die in Abfalleimern nach Flaschen suchen. Das sehe ich übrigens auch in Düsseldorf seit Jahren immer häufiger. Heute kann es sein, dass man aus der Strassenbahn aussteigt und in der Haltstelle, direkt vor der Nase, Obdachlose schlafen. Denn bei Nacht ist es zu gefährlich für sie, da sie immer häufiger überfallen werden. Der Anstieg derlei Verbrechen ist eine Kapitulation der Aufklärung und Vernunft. Es ist ein Verlust der Empathie. Dieser Verlust, den sich Mephisto so gern zu eigen macht, und es gibt mehrere Klone von ihm, in unterschiedlichen Verkleidungen, sucht im Menschen die Büchse der Pandora. Sie zu öffnen, ist das Ziel. Wir alle haben das Gute, wie das Böse in uns. Das gilt auch für die Sprache. Gerade heute wieder so auffällig. Darum ist die innere Balance so wichtig, aus der Frieden in uns erwächst. Selbstfrieden. Sich auch mit den unguten Erfahrungen versöhnen. Diese Balance zu halten gehört zum Sinn des Lebens, denn daraus resultiert alles. Bleiben wir Mensch!

Die Robben lagen den großen Teil des Tages auf den Steinen herum. Dort finden sie Frieden und sind scheinbar ganz bei sich. Entspannt. Aber nicht unbekümmert, auch ihnen knurrt irgendwann der Magen. Wir könnten uns die Gelassenheit von ihnen ein wenig annehmen.

In Bansin, angrenzend an Heringsdorf, gibt es ein Café mit interessanter Geschichte. Das Ansgard ist das älteste Cafe in Bansin und ist in einer Holzvilla untergebracht, die als erstes vorgefertigtes und zerlegbares Fertighaus aufgestellt wurde. In diesem Haus eröffnete die Familie Winterstein 1920 dieses Cafe.

Nicht zu vergessen die Villa Irmgard, in der einst Gorki wohnte, wie auch Tolstoi dort übernachtete. Heute ist es ein Museum und eine literarische und musische Begegnungsstätte mit unterschiedlichen Veranstaltungen. Von Gorki kann man halten, was man will, aber seine Literatur ist einzigartig. Im Museum war ich bereits vor ein paar Jahren und fand es sehr interessant. Warum fällt mir jetzt das Kästner-Museum in Dresden ein? Kästner war mir dort irgendwie fern, obwohl er mir immer nah war und ist. Aber irgendwie fehlte mir dort der innere Bezug, während ich den sofort in der Villa Irmgard hatte. Sicher, das Dresdner Museum ist auch und unbedingt einen Besuch wert, allemal als Kästner-Leserschaft. Also nur Mut..meine Meinung ist ja höchstwahrscheinlich nicht Ihre. Wir sehen mit dem Herzen gut, der Kopf formt und bastelt ununterbrochen. Mir fällt auch wieder Ferdinand von Schirach ein. Nicht nur sein wunderbares Kinderbuch Alexander, überhaupt seine Literatur. Gedankenanstösse durch seine Bücher, Kopfwirbel…herrlich. Nur gerade? Bereits am Strand dachte ich über den von ihm bemängelten Sand in einem seiner Bücher, der überall kleben würde. Vor allem zwischen den Zehen, da merkt man ihn, wenn man barfuss den Strand entlang geht. Und naja... Fische machen nun mal alles im Meer, stimmt, wo auch sonst. Es ist ein komisches Bild, sich einen Fisch vorzustellen, der extra an Land geht, auf seinen Flossen gelernt hat sich über den Sand zu bewegen, um dann auf eine Fischtoilette zu gehen. Früher war mehr Lametta…Entschuldigung Meeresschaum. Ich achtete auch auf den Schaum der Wellen und fand es wenig. Früher war es so viel, dass er über den Sand, getrieben vom Wind, rollte. Stimmt, Sex haben die Fische, Muscheln und Korallen ja auch im Meer, stimmt schon. Ich stelle mir Fische im Bett vor, die danach keine Zigarette rauchen, sondern wieder ins Meer gehen. Ich mag diese Gedankenspiele. Aber es stimmt, der Sand zwischen den Zehen ist nervig, auch der, der in den Ohren zu fühlen ist. Aber ich sage dennoch: Trotzdem! Aber warum, zum Kuckuck noch einmal, muss ich ausgerechnet jetzt darüber nachdenken?

Ich bin an so einem herrlichen Ort und denke darüber nach, was wäre, wenn die Evolution sich nur ein bisschen anders entschieden hätte, dann gäbe es heute vielleicht Wale, die zur Fischtoilette gehen und nicht tot angespült würden, mit Netzen in den Mägen oder Schiffsschraubenverletzungen, oder tödlichen Darmkoliken. Ja, Delfine würden rauchend im Café sitzen und mit uns plaudern, bevor sie mit dem Sonnenuntergang wieder verschwinden. 

Natürlich mit Badehose…ist ja klar.

So, das hab ich jetzt davon.

4.06.26

Seit morgens sieben wach. Kaffee…Kaffee. Anschließend Frühstück außerhalb des Hotels. Die Tage vergingen mal zäh, mal schnell. Man verabschiedet mich mit den Worten: Bleiben Sie gesund. Ich sagte, bleiben wir Mensch, daraus resultiert alles. Da halte ich es wie Margot Friedländer. Ehrlicherweise kann ich es nicht mehr hören, dieses „Bleiben Sie gesund“! Es ist seit Corona ausgehöhlt, auch ein benutzter, sonst immer guter und gern gehörter Wunsch, aber nun…er hat seine Bedeutung für mich verloren, wie so manches andere auch. Nach allem, was wir heute über diese Jahre wissen, ist es untragbar geworden, für mich, dieses auszusprechen! Sprache bedeutet mir zu viel, als dass keine Spuren geblieben wären, von all dem Schund und dem Üblen! 

Bis Berlin mit der Rückfahrt ging alles gut, dann aber der ICE eine Stunde verspätet. Technischer Defekt, dann Gefahrgut auf den Gleisen, darum eine Ausweichstrecke über Bremen, dann Ausfall der Klimaanlage in einem Abteil, daraufhin es dort unerträglich heiß wurde und die Fahrgäste in die anderen Abteile verteilt wurden. Dann der bundesweite Ausfall des Funknetzes. In ganz Deutschland mussten die Züge still stehen. Es ist jetzt halb drei morgens. Seit 11:30 unterwegs mit der Bahn. Zugführer und Personal sehr geduldig und freundlich, so, wie die Fahrgäste. Müde, müde, müde. Lese viel in der Bachmann-Biografie. Alle Fahrgäste in unserer Bahn verhielten sich diszipliniert, halfen sich gegenseitig. Niemand wurde laut, oder aggressiv, auch nicht gegenüber der Kontrolleurin, die ganz allein unterwegs war. Es geht also doch, dass man im Notfall zusammensteht.
Gegen halb fünf endlich daheim angekommen! Doch wach. Kaffee…Kaffee. Koffer auspacken. Gegen neun Uhr falle ich in mein Bett und wache nach nur drei Stunden wieder auf. Erst am nächsten Tag eine Art Übermüdung. Es ist sehr heiß in meiner Wohnung und ich bin froh, dass ich meine geliebte Linde vor meinem Fenster habe. Dabei fällt mir wieder ein, dass letztes Jahr Bäume an verschiedenen Orten ganz gezielt vergiftet wurden. Kürzlich dann die Zahl der in Deutschland im letzten Jahr gefällten Bäume beliefe sich auf circa EINE MILLION. Wahrscheinlich auch viele Bäume, die krank waren darunter.

Wenn ich sage, dass alles Leben gleichwertig ist, dann doch so, dass jedes Leben seine Berechtigung hat. Auch ein Baum. In meiner Nähe wächst eine Eibe, die in den letzten Jahren riesig geworden ist. Bloß nicht anfassen, sie ist giftig, lernt man ja schon als Kind, was ja auch richtig ist. Ich fasse sie trotzdem an und lebe noch. Nur ganz leicht an ihrem Zweig, beim Vorübergehen. Die ersten Male spürte ich tatsächlich ein ganz leichtes Stechen, heute nicht mehr. Aber ich rieche ihren besonderen Duft, den dieses Gewächs ausströmt. Immer ein bisschen wie Friedhof, stimmt. Auch den Stiefmütterchen tut man Unrecht, sie einzig als Friedhofsblume zu sehen. Sie sind so hübsch und vielfältig. Es ist die Neugier etwas auf Wahrheit zu überprüfen. Erzählt wird viel. Ich erinnere nur an das, was Erwachsene kleinen Kindern sagen: Schiele nicht, sonst bleibt das so, wenn du dich erschrickst. Oder, wenn ein alter Mann, wie der Weihnachtsmann, benutzt wird, um Kindern Schuld einzureden, oder Angst, was noch schlimmer ist. Dann kommt der Weihnachtsmann nicht, oder du bekommst den Hintern mit der Rute versohlt. Kleine Kinder vergessen das das ganze Jahr nicht. Sehen die Erwachsenen, was sie damit anrichten? Außerdem wird eine devote Haltung gegenüber alten Männern erzeugt und gefördert. So sehe ich das heute, wenn ich darüber nachdenke. Mein Bruder bekam einmal tatsächlich Kohlen zu Weihnachten geschenkt. Er lebt leider nicht mehr, aber mit ihm und mit mir lebt dieses Gemeine weiter. Entsetzlich. Er fehlt mir sehr, aber irgendwann…irgendwann werd auch ich die Seiten wechseln, in hoffentlich ein paar Jahrzehnten. 

Was nehme ich dann mit, doch das, was ich erlebt habe, doch die negative oder positive Energie daraus. Das war es… Man geht mit so vielen Erwartungen durch das Leben, mit so unendlich vielen Vorstellung und Wünschen, wie es sein müsste, das Leben und darüber, über die Anstrengung das erreichen zu wollen, vergehen die Jahre und am Ende ist man dadurch nicht erfüllt, sondern entsetzlich leer und verbraucht.
Wer kann danach leben, wie ihm ist oder was er sich träumt. Immer wird das so hingestellt, als wäre es das Einfachste der Welt, dabei ist jeder Mensch ab Geburt in vorgefertigte Muster hineingeboren. 

Es ist doch eigentlich sehr ernüchternd, wie viel der Mensch selbst bestimmen kann. Geburt, Kinderzeit, Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf, Arbeit, Rente, Tod. Und zwischen all dem? Ist dort Freiheit? Wirklich? Ist dort noch genug Atem für sich selbst, genug sich selbst zu finden und sich die Chance geben sich innerlich auszubilden, all diese inneren Chancen der Sinne zu finden und gebrauchen zu lernen, ist in den wenigen Stunden, berechnet gegenüber denen, die ein Muss beinhalten, noch genügend Platz und Raum für das Selbst? Oder ist der größte Teil nicht einfach nur ein ewiges Funktionieren? Das monotone Leben kann so einfach sein, wenn man loslässt. Und dann? Selbst in einem Kloster gibt es einen strengen Zeitplan. Überall beherrscht die Uhr das Leben. Dadurch werden wir jede Sekunde an unseren Verfall erinnert, der uns nieder drückt und uns fesselt, ja unter Druck setzt- dieses und jenes will ich noch erreichen, aber Freiheit ist das nicht. Zahlen sind kein Heiligtum, sondern nur ein Hilfsmittel zur Orientierung. Aber ist das so?

Von morgens bis abends stellen sich die Fragen : wann stehst du auf, wann gehst du zu Bett, was machst du wann und wo und wie oft und warum, was hast du am Tag du - das alles ist bloß eine Hülle, aber es ist nicht der Kern des Wahren. Darum sind Menschen in schwierigen Lebenslagen so leicht in falsche Hände zu leiten, weil sie gerade dann oftmals besonders verletzbar sind. Die falschen Propheten wissen das und Mephisto weiß das.

In Ahlbeck sah ich eine hübsche Taube. Ihr Federkleid schaute aus, als hätte sie ein kleines Mäntelchen an. Ihre Füße waren noch unversehrt, ohne Dreck und Schnüre. Überhaupt sah ich einige Tauben, die an den Seebrücken zusammen mit Möwen saßen. Keine hatte kaputte Füßchen, keine war verletzt, und niemand fühlte sich von ihnen gestört. Die Tauben waren gesund. Hier in den Großstädten ist es anders, beschämend anders. Auch wieder ein Punkt, da sich nichts, bis auf Ausnahmen, ändert, damit besser und achtsamer mit diesem Lebewesen umgegangen wird.

In Wien müssen bei dieser Hitze offenbar die Fiaker-Pferde arbeiten. Wo keine Nachfrage…Ich weiß, wo die Kutschen in Wien stehen und mache immer einen Bogen darum, aber oftmals hörte ich sie abends müde über den Asphalt zurück in ihren Stall klappern. Es ist etwas Entsetzliches in diesem Bild und ein Zeugnis, dass der Mensch die Wahrheit kennen kann und dennoch des eigenen Vorteils darauf verzichtet. Da ist etwas im Menschen unbeweglich geworden, unfähig es der Wahrheit Willen einzugestehen. So, wie ich die Wissenschaft sehr schätze, aber es war auch die Wissenschaft, die tötete, die mordete, die keine Reue kannte und weiter log. Die Wissenschaft ist kein Gott, ihr fehlt der Glaube an das Wahre und Richtige - für den Menschen, für das Leben. Der Glaube daran ist ihr verloren gegangen , weil Mephisto die Türe geöffnet wurde. Auch heute stehen wir vor dem Irrweg des Transhumanismus mit und durch die Wissenschaft. Wir sind mitten drinnen, schon wieder, die Menschen immer mehr zu nummerieren. Menschen, die andere Menschen nicht als solches sehen, sondern mit technischen Bestandteilen verändern und manipulieren wollen, als solches also in die Genetik und biologische Beschaffenheit eingreifen wollen, sehen sich selbst als unvollkommene Wesen an und damit verleugnen sie sich selbst, ihr SELBST. Sie schätzen sich selbst nicht und auch das Leben als solches, wie es ist, in keiner Weise. Demzufolge auch kein anderes Lebewesen, da ja Koppelung. Das ist eine üble Entwicklung, zudem eine gefährliche.

Ich erinnere mich an eine Kollegin. Ihr Pferd, das sie heiß und innig liebte, zeigte sie auf Fotos, nicht ohne einen gewissen Stolz. Eines Tages, zum Frühstück, packte sie ihre Stullen aus, schaute darauf und sagte: So, jetzt esse ich mein Pferd. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich war fassungslos und versuchte mir diesen inneren Zwiespalt von ihr zu erklären. Für mich war es etwas Rohes, Kaltes in ihr und wiederum ein Zeugnis, blickend auf die Geschichte, wie sich eine Gesellschaft aufspalten kann. Wie es zusammenpasst, dass Mütter und Väter liebevoll mit ihren Kindern umgehen, und gleichzeitig andere Kinder quälen oder töten konnten. Oder heroisch in Kriege schicken konnten, ja ihre Kinder zum Hass erziehen konnten und können. 

Lotta

Bilder und Video  Lotta Blau/ 2026